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Mein Seelenort … Ted Huffman

Der Regisseur Ted Huffman inszeniert Benjamin Brittens A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM. Provincetown auf Cape Cod, USA, erinnert ihn an den Wald mit Elfen und Feen

A Midsummer Night’s Dream
Oper in drei Akten von Benjamin Britten
Dirigent: Donald Runnicles / Daniel Carter (22.02.)
Inszenierung: Ted Huffman
Mit James Hall, Siobhan Stagg, Gideon Poppe, Samuel Dale Johnson, Karis Tucker, Jeanine De Bique, James Platt, Jami Reid-Quarrell u. a.
26., 29. Jan.; 1., 6., 22. Feb. 2020

Provincetown hat sehr unterschiedliche, fast widersprüchliche Seiten. Es ist ein wilder Ort, im Angesicht dieses gewaltigen Ozeans, weit weg von allem andern. Manchmal denke ich, das hier ist das Ende der Welt. Und wirklich, in Provincetown kommt man nicht zufällig vorbei: Der Ort liegt an der äußersten Spitze der Halbinsel Cape Cod, an der Ostküste der USA. Die schmale Landzunge streckt sich unsicher in den Atlantik hinein. Die Luft ist salzig vom Meer, das Licht ist sanft, fast mystisch.

Nach der Kolonialisierung durch europäische Siedler wurde Provincetown ein Zufluchtsort für Künstler. Maler wie Edward Hopper, Jackson Pollock und Mark Rothko haben sich vom Licht hier inspirieren lassen. Auch Schriftsteller wie Eugene O’Neill, Tennessee Williams oder Norman Mailer kamen hierher. Manche reisten jeden Sommer an. Andere lebten hier, über Jahre.

Liebe und Glück: Ein Schild in Provincetown, das für seine flirrende Cabaret und Dragszene bekannt ist. „Ein Paralleluniversum“ nennt es Ted Huffman © Chris McIntosh
 
 

Gleichzeitig ist Provincetown eine queere Oase. Ein Paralleluniversum, in dem queere Menschen und Familien die Norm sind. Hier fühlen sie sich frei, akzeptiert und aufgehoben, sind Teil der Community. Es gibt hier eine flirrende Drag- und Cabaret-Szene. Provincetown war ein Paradies für Drag-Performances, lange bevor RuPaul den Stil nach New York brachte. Die Summe, also die wilde Schönheit der Natur, die Künstler-Oase, das queere Leben, macht diesen Ort zu einem magischen Ort. Er ist anders als alles andere auf der Welt.

Provincetown ist ein Amerika, von dem ich wünschte, so wäre es überall. Aber das ist natürlich nicht so. Ich bin zwar noch US-Amerikaner, aber ich habe die USA vor zehn Jahren praktisch verlassen. Die meiste Zeit arbeite ich in Europa. Es ist traurig zu sehen, wie das eigene Land in Nationalismus und Konservatismus versinkt. Für mich ist mein Besuch in Provincetown einmal im Jahr ein Weg, das Beste an Amerika zu feiern.

Meistens reise ich aus Europa an, wenn ich Cape Cod besuche – und einer der Vorzüge des Jetlags ist, dass ich um vier Uhr morgens aufwache. Der frühe Morgen ist meine Lieblingstageszeit: die Stunde, bevor die Sonne aufgeht, dieser Moment, in dem die Dunkelheit langsam weicht, sich das Helle durchsetzt. Ich habe das Gefühl, mein Tag verläuft besser, wenn ich zu dieser Zeit des Tages wach bin. Ich frühstücke und gehe runter zum Strand. Die besten Stellen muss man sich erarbeiten, da kann man nicht hinfahren, sondern muss ziemlich weit laufen und durchs Wasser waten. Ich bleibe Stunden dort, lese, schwimme, mache ein Schläfchen in der Sonne. Gegen Abend gehe ich zurück in den Ort, ins Café, schreibe ein bisschen, esse was. Nachts blüht die Stadt auf, und ich schaue mir eine dieser unfassbaren Drag-Shows an.

Huffman am Strand von Provincetown. Über die meisten seiner Projekte hat er hier nachgedacht – auch über A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM © Chris McIntosh
 

Für mich ist Provincetown mit dem Wald in A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM verwandt. Der Wald ist die Oase des Feenpaars Oberon und Tytania – und für die menschlichen Liebespaare, so wie dieser Ort auf Cape Cod ein Zufluchtsort für queere Leute ist. Auch der Komponist Benjamin Britten und sein Lebenspartner, der Tenor Sir Peter Pears, schufen sich übrigens so eine Oase, fernab des Trubels in der Metropole London.

Sie zogen in das Fischerörtchen Aldeburgh und gründeten dort ein Festival, auf dem A MIDSUMMER NIGHT’S DREAM 1960 uraufgeführt wurde. Lustigerweise ist die Landschaft dort der auf Cape Cod sehr ähnlich. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie Britten und Pears sich selbst sahen, damals, Mitte des 20. Jahrhunderts, als Paar in Großbritannien, als Homosexualität sogar strafbar war. Ich vermute, dass sie sich stark mit Oberon und Tytania identifiziert haben, diesen Wesen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Feen leben ja auch in einer Art Parallelwelt, sie bewohnen dieselben Orte wie Menschen, aber haben nicht dieselben Rechte, können keine eigenen Kinder bekommen.

Die Liebespaare Hermia und Lysander sowie Helena und Demetrius fliehen in den Wald vor ihren Eltern, die ihnen nicht erlauben zu leben, wie sie wollen. Alle sind angespannt, wütend über die Begrenzung und unsicher in Bezug auf sich selbst. Das bricht in dieser Nacht im Wald alles aus ihnen heraus. Sie arbeiten sich in dieser Parallelwelt durch Dinge, die sie vorher nicht einmal verbalisieren konnten. Und am Morgen, wenn sie aufwachen, sind sie wie gereinigt. Es gibt da diesen sehr schönen Moment zwischen ihnen, im dritten Akt, da können sie ihre Masken fallen lassen, einander offenbaren. Aber sobald sie den Wald verlassen, kehren sie zurück in eine fürchterliche Welt, in der romantische Beziehungen durch Besitz und Krieg definiert werden. Diese Beziehung wird nicht glücklich werden. Genau das hat, glaube ich, auch Britten und Pears interessiert: wie die Gesellschaft Liebende in Rollen zwingt.